eBook: Die Henkerstochter und das Spiel des Todes

Oliver Pötzsch

Die Henkerstochter und das Spiel des Todes

(Die Henkerstochter-Saga 6)

In Oberammergau herrscht kurz vor Pfingsten 1670 helle Aufregung. Bei den Proben zum berühmten Passionsspiel wird der Christus-Darsteller tot aufgefunden. Er wurde gekreuzigt. Jeder verdächtigt jeden. .. mehr

Historischer Kriminalroman • eBook • 624 Seiten
ISBN 9783843711999 • Erscheinungstermin: 15.01.2016 • Ullstein Verlag

 

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Inhaltsangabe

In Oberammergau herrscht kurz vor Pfingsten 1670 helle Aufregung. Bei den Proben zum berühmten Passionsspiel wird der Christus-Darsteller tot aufgefunden. Er wurde gekreuzigt. Jeder verdächtigt jeden. Der Schongauer Henker Jakob Kuisl und der Bader Simon Fronwieser werden um die Aufklärung des Todesfalls gebeten, doch sie stoßen auf eine Wand des Schweigens. Als ein weiterer Darsteller den Märtyrertod stirbt, glauben die Dorfbewohner an eine Strafe Gottes und wollen erst recht nicht mit den beiden Fremden reden. Erst als Kuisls Tochter Magdalena in Oberammergau eintrifft, stoßen der Henker und seine Familie auf eine Spur des Mörders, die sie tief ins Gebirge führt.

Leseprobe

Oberammergau, in der Nacht vom 3. auf den 4. Mai Anno Domini 1670

Jesus hing am Kreuz und starb, doch auferstehen würde er diesmal nicht.
Obwohl es eine stockdunkle Nacht war, konnte Dominik Faistenmantel die Grabsteine sehen, die sich als kantige schwarze Umrisse vor der Oberammergauer Dorfkirche abzeichneten. Gelegentlich war von dort ein Flattern zu hören. Dominik vermutete, dass es sich um Kolkraben handelte, die auf den Gräbern saßen und ihn neu gierig beobachteten. Im Ammergauer Tal waren die großen, schlauen Vögel keine Seltenheit. Ihre Nester befanden sich oben in den Bergen, doch zur Jagd und zum Stöbern nach Aas kamen sie oft herunter ins Tal. Faistenmantel schauderte.
Wenn nicht bald Hilfe kam, würde auch er ein solches Aas werden.
Stöhnend versuchte der junge Holzschnitzer, sich am Kreuz aufzurichten, doch sofort schoss ein fast überirdischer Schmerz durch seine überspannten Sehnen. Sein Schrei wurde gedämpft von dem schmutzigen Stück Leinen, das in seinem Mund steckte. Keuchend sank er wieder in sich zusammen, hustete und schnappte nach Luft. Aber alles, was er unter dem Knebel hervorbrachte, war ein rasselndes Gurgeln.
So also ist der Heiland von uns gegangen, fuhr es ihm durch den Kopf. Welche Schmerzen! Die Last der Welt auf seinen Schultern. Herr, komm und hilf mir!
Doch der Herr kam nicht. Niemand kam. Zum wiederholten Mal versuchte Dominik, trotz des Knebels um Hilfe zu schreien. Es war zwar mitten in der Nacht, und die meisten im Dorf schliefen. Aber wenigstens der Frühmessner musste doch wach sein! Sein Haus stand direkt neben der Friedhofsmauer, nur ein paar Armlängen entfernt. Doch sosehr Dominik sich auch bemühte, er konnte nur krächzen und wimmern. Es war so kalt, so verflucht kalt! Hier in diesem Alpental fühlte sich selbst eine Mainacht noch an wie tiefster Winter. Nur mit einem Lendenschurz bekleidet, hing er draußen in der sternenlosen Nacht am Kreuz, zitternd und fröstelnd, während die Raben ihn beäugten.